Der Wunsch, verlorengegangene Zähne zu ersetzen, ist so alt wie die Menschheit. Zahnlosigkeit, gerade im sichtbaren Bereich, war bereits vor Jahrtausenden gleichbedeutend mit Altsein. Kein Wunder also, daß schon die alten Ägypter mit künstlichen Zähnen experimentierten. Frühformen der Implantologie beschäftigten sich aber mehr mit dem Zahnersatz in der Form eines zwischen zwei Zähnen eingebundenen Zahnersatzstückchens als mit echten, in leere Zahnfächer eingepflanzten Kunstzähnen. Derartige, mit dünnen Golddrähten oder Bastfaden befestigte Zahnelemente aus Knochen oder Elfenbein sind immerhin von Ägyptern und Etruskern bekannt.

Griechische Ärzte bezogen sich in den Schriften des Hippokrates hauptsächlich auf solche ägyptischen Quellen, ohne großartige eigene Ideen zu entwickeln. Die mittel- und südamerikanischen Hochkulturen der Mayas und Inkas gingen dagegen einen Schritt weiter in Richtung auf die heutige Implantologie. Sie hämmerten unmittelbar nach einer Zahnentfernung wurzelförmige Implantate aus Halbedelsteinen in das leere Zahnfach. Oft waren diese Kunstzähne reich verzierte Kunstwerke und wohl eher Schmuck als funktionstüchtiger Zahnersatz. Durch Schädelfunde läßt sich aber nachweisen, daß derartige »Einzelzahnimplantate« in glücklichen Fällen bis zum Lebensende als Kauelemente genutzt wurden. Für die damalige Zeit war das sicher ein sensationeller Erfolg.

In ähnlicher Weise gingen arabische Ärzte vor, die mit der Islamisierung Spaniens auch neuartige zahnmedizinische Erkenntnisse mit nach Europa brachten. Sie benutzten vor rund 1200 Jahren aus Ochsenknochen geschnitzte Implantate, die in die Zahnfächer gepreßt wurden. Roßhaare oder feinste Silberdrähte dienten der zusätzlichen Befestigung an den Nachbarzähnen. Reiche Fürsten und eitle Künstler waren in Europa die bevorzugten Kunden. Bis in die frühen Jahre des 19. Jahrhunderts wurden die Techniken allerdings nicht mehr weiterentwickelt.

Erst vor rund 180 Jahren experimentierten Dentisten dann mit Kunstzähnen, die in Wurzelform gegossen oder geschnitzt wurden. Man benutzte als Materialien Gold, Silber, Platin, Aluminium, Kupfer, Magnesium, Messing, Stahl, Porzellan, Elfenbein und Kautschuk – allerdings ohne großen Erfolg.

Erst im Jahr 1909 wurde das erste zweiteilige Implantat aus einer Iridium-Platin-Legierung hergestellt. Der lmplantatpfosten war hohl und mußte mehrere Wochen im Knochen einheilen, bevor er mit einer Zahnkrone versehen werden konnte. Dieses Implantat soll – glaubt man den Aufzeichnungen – einige Jahre seinen Dienst erfüllt haben. 

Im Jahr 1939 kamen dann schraubenförmige Implantate aus einer Kobalt-Chrom-Legierung auf den Markt. Diese Vollzahnimplantate waren zunächst so gestaltet, daß sie einen Zahn sofort in seiner Ganzheit ersetzten. Wenige Jahre später entschied man sich aber für ein zeitlich versetztes Vorgehen: Zuerst pflanzte man die künstliche Zahnwurzel ein, und erst nach vollkommener knöcherner Einheilung wurde diese mit einer Krone versehen. Berichte zeigen, daß einzelne dieser Implantate jahrzehntelang funktionstüchtig geblieben sind. Sie können mit Fug und Recht als Vorläufer moderner Implantatsysteme angesehen werden.

Schon im Jahr 1940 wies man nach, daß sich Knochen an einen Titankörper anlagert, ein Befund, der in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren in vielen tierexperimentellen Studien bestätigt werden konnte. Dieses Phänomen wird seither mit dem Namen »Osseointegration« (Einheilung im Knochengewebe) umschrieben. Osseointegration ist heute das Qualitätskriterium für den Erfolg eines lmplantatsystems schlechthin.

Mit schraubenförmigen Implantaten aus verschiedenen Edelstählen sowie Tantal, Chrom, Kobalt und deren Legierungen wurde viel experimentiert, allerdings war die Osseointegration meist nicht dauerhaft. Erst als die schraubenförmigen Implantate aus Titan im Jahr 1965 auf den Markt kamen, begann der Siegeszug der »Kunstzähne«. Diese Implantate stellen heute in ihren vielfältigen Formen den implantologisehen Standard dar, an dem alle anderen Systeme gemessen werden.

Parallel hierzu entwickelten verschiedene Wissenschaftler seit den vierziger Jahren Implantatsysteme, die nicht in den Knochen eingepflanzt, sondern zwischen Knochenhaut (Periost) und Knochenoberfläche eingebracht wurden (s. Abb. 3). Die Versorgung mit derartigen sogenannten subperiostalen Implantaten – eine Art Gerüstkonstruktion war immer mit einem großen chirurgischen Eingriffverbunden. Sie werden nicht in den Kieferknochen gesetzt, sondern liegen direkt dem Kieferknochen auf. Um eine dem Kieferkamm entsprechende Form zu erreichen, muß zunächst die Schleimhaut abgeschoben und der offenliegende Knochen mit einem zahnärztlichen Abdruckmaterial abgeformt werden.

Dieser Abdruck wird mit Gips ausgegossen, und die gewonnene Gipsform gibt die Knochenverhältnisse genau wieder. Auf der Gipsform stellt man dann das Implantatgerüst aus einer edelmetallhaltigen Legierung her. Ein zweiter größerer Eingriff ist nun notwendig, um das netzförmige Gerüst unter die Kieferschleimhaut zu bringen. Mehrere Gerüstpfosten durchspießen die Schleimhaut. Auf diesen Metallpfosten wird anschließend die neue Prothese verankert. Es ist nicht ungewöhnlieh, daß Kieferknochen über Jahre langsam das aufgelagerte Gerüst umwächst. Subperiostale Implantate wurden weltweit seit den sechziger Jahren in großer Zahl eingesetzt. Ihre Entwickler und Anwender haben dazu beigetragen, die zahnärztliche Implantologie ein großes Stück voranzutreiben und weiterzuentwickeln.

Nach mehreren Jahrzehnten der Anwendung subperiostaler Implantate zeigte sich aber, daß die anfängliche Euphorie wohl verfrüht war. Unstrittig sind viele Einzelerfolge, aber bei den meisten Patienten mußten die Konstruktionen Jahre später wieder entfernt werden. Gründe waren und sind meistens chronische Entzündungen im Bereich der Implantatpfosten, wobei die Entzündung über Monate hinweg langsam große Abschnitte des Implantates erfaßt und den darunterliegenden Kieferknochen auflöst. Ist es soweit gekommen, hilft nur noch eine radikale Operation: Das Implantat muß in seiner Gesamtheit entfernt werden. Die operative Entfernung ist kompliziert, denn oft müssen Teile des Gerüstes aus dem darübergewachsenen Knochen gefräst werden.

Die Gefahr, Weichgewebe, wie etwa den Unterkiefernerv, zu verletzen, ist groß. Wird der Unterkiefernerv oder einer seiner Äste verletzt, ist Taubheitsgefühl im Bereich der Unterlippe die Folge. Sowohl die entzündungsbedingte Knochenauflösung als auch die operative Gerüstentfernung führt zu kraterförmigen Beschädigungen des Kieferkamms. Diese erschweren später eine herkömmliche Versorgung mit herausnehmbaren Prothesen oder machen sie vielfach sogar unmöglich. Subperiostale Implantate sollten heute nicht mehr zum Repertoire einer zukunftsorientierten Implantologie gehören; sie werden _mittlerweile auch von den meisten Behandlern abgelehnt.